Leben aus dem Katalog

Der Quelle-Katalog war, wie Gregor Schöllgen schreibt, "ein zuverlässiger Spiegel der wirtschaftlichen, aber auch der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung Deutschlands." Was man zum ersten Mal in Quelle-Katalogen sah, war wenige Wochen und Monate später auf den Bürgersteigen und in den Wohnzimmern der Republik allgegenwärtig. Das galt schon für die " Herrenkomplettausstattung", von 1929 mit wollenen Knickerbockerhosen, das galt auch für die Kittelschürzen der Fünfziger oder für Fernsehgeräte, an deren rasanter Verbreitung in den sechziger Jahren das Versandunternehmen wesentlichen Anteil hatte. In seiner Spitzenzeit Ende der sechziger Jahre war der Quelle-Katalog mit einer Auflage von 6,45 Mio. uneinholbar der Bestseller in der Bundesrepublik – und Quelle der größte Privatkunde der Deutschen Bundespost. "Ohne den Quelle-Katalog lässt sich die deutsche Nachkriegsgeschichte nicht erzählen", sagt Gregor Schöllgen.

Mode frei Haus

Das modische Angebot der Quelle traf zuverlässig den Geschmack der Zeit – wie etwa ein Anzug im angesagten Mao-Look im Herbst-/ Winterkatalog 1968/69. Wesentlichen Einfluss auf die modischen Entscheidungen hatte in späteren Jahren Gustav Schickedanz' Ehefrau Grete. Ihr war zu verdanken, dass 1967 ein bedeutender Modeschöpfer wie Heinz Oestergaard für die Quelle gewonnen werden konnte. Oestergaards so innovative wie konsensfähige Kreationen kamen bei den Kunden des Versandhauses glänzend an. Eine seiner wichtigsten Neuerungen war der Einsatz von Stretchstoff anstelle von Drähten in Miedern. Auch wenn Oestergaards Name heutzutage außerhalb der Modekritik ein wenig in Vergessenheit geraten ist, war eine seiner wichtigsten Kreationen in Deutschland allgegenwärtig und jedermann bekannt: Die senf-und-gurkenfarbenen, betont zivil und unmilitärisch gehaltenen Polizeiuniformen, die seit 1971 getragen wurden.