Unternehmerisches Genie

Aus bescheidenen Verhältnissen stammend, baute der Handwerkersohn Gustav Schickedanz ein Handels- und Wirtschaftsimperium auf, zu dem nicht nur das Versandunternehmen Quelle, sondern auch die Vereinigten Papierwerke (mit Produkten wie der Camelia-Binde und den Tempo-Taschentüchern), verschiedene Brauereien, eine Fahrradfabrik, eine Kaffee-Rösterei, eine Bank und zahlreiche Kaufhäuser gehörten. Nach dem Geheimnis seines Erfolges befragt, sagte Schickedanz einmal: "Ich versuchte unsere Zeit zu verstehen und ihre besonderen Notwendigkeiten zu erkennen." Gregor Schöllgen nennt ihn im Untertitel seiner Biographie einen "Revolutionär": Schickedanz hatte nicht nur immer wieder den Mut, antizyklisch zu handeln. Er setzte auch auf Innovationen, so etwa auf die Informationstechnologie, um den Warenversand seines Unternehmens zu rationalisieren. Die automatische Versandanlage, die Schickedanz in den fünfziger Jahren in seiner Nürnberger Zentrale aufbauen lässt, war eine Pionierleistung und ein Schlüssel zum unternehmerischen Erfolg der Quelle in den Wirtschaftswunderjahren.

Mitläufer und Profiteur

Oft ist Gustav Schickedanz nach dem Krieg sein Handeln während der Herrschaft der Nationalsozialisten zum Vorwurf gemacht worden. Schickedanz war bereits seit 1932 NSDAP-Parteimitglied geworden, wohl vor allem aus unternehmerischen Gründen, um sein von den Machthabern als undeutsch beargwöhntes Versandunternehmen zu schützen. Möglicherweise auch, um von seiner eigenen politischen Vergangenheit als Mitglied im Fürther Arbeiter- und Soldatenrat abzulenken. Dafür, dass er ein überzeugter oder aktiver Nationalsozialist gewesen wäre, gibt es keine Belege – auch wenn sich im Quelle-Katalog zeitweise der braune Zeitgeist widerspiegelte und etwa ein Bildnis Hitlers als "mehrfarbiger Kunstdruck im handlichen Format" oder Krawatten mit "kleiner, sehr vornehmer Hakenkreuzmusterung" angeboten wurden. Nach dem Krieg wurde ihm vorgeworfen, während der NS-Zeit von so genannten Arisierungen profitiert zu haben, indem er Firmen aufkaufte, die zuvor jüdische Besitzer hatten. Allerdings wurde in einer aufwendigen Serie von Spruchkammer- und Wiedergutmachungsverfahren eindeutig festgestellt, dass Schickedanz in keinem Fall die Zwangslage der betroffenen ausgenutzt habe; im Gegenteil Wenn sich also die Vorwürfe, denen Gregor Schöllgen in seiner Biographie detailliert nachgeht, bei genauem Studium der historischen Akten kaum aufrecht erhalten lassen, wird doch deutlich, in wiefern jedes Wirtschaftsunternehmen in einer Diktatur unweigerlich in moralischen Grauzonen operiert. So gesehen war auch Gustav Schickedanz ein Profiteur.

Familienunternehmer und Patriarch

Die Quelle ist von Beginn an ein Familienunternehmen: Gustav Schickedanz wird in den ersten Jahren von seinem Vater und von seiner Frau Anna tatkräftig unterstützt. Ohne diesen familiären Rückhalt, wäre das Unternehmen – Schickedanz sprach zärtlich vom "Quelle-Kind" – wohl in der schon bald nach der Gründung einsetzenden Weltwirtschaftskrise eingegangen. Als Schickedanz' Vater, seine Frau Anna und sein Sohn 1929 bei einem tragischen Autounfall ums Leben kommen, nimmt das "Quelle-Kind" erst recht den zentralen Platz im Leben von Gustav Schickedanz ein. Auch seine Schwester Liesl Kießling und ihr Mann besetzen im Betrieb Schlüsselpositionen und gehören seither zu den wichtigsten Stützen des Unternehmens. Gänzlich unersetzbar aber ist bald Grete Lachner, die 1927 als Lehrmädchen bei Quelle angefangen hatte und später zur zweiten Ehefrau von Gustav Schickedanz werden sollte. Ihr Geschäftssinn und ihr modischer Geschmack haben großen Anteil am Erfolg der Quelle in den Jahren nach dem Krieg. Später werden Gustav Schickedanz' Töchter zu Teilhabern des Unternehmens, seine Schwiegersöhne übernehmen wichtige Funktionen im Betrieb, der so bei zunehmender Größe stets ein Familienunternehmen bleibt. Zweifelsohne war Gustav Schickedanz, wie Schöllgen schreibt, ein "Familienunternehmer mit Nachdruck und Überzeugung."

Ein Familienunternehmer war Gustav Schickedanz auch in anderem Sinne: Er war, so lange die Größe des Unternehmens dies zuließ, stets um persönlichen, quasi-familiären Kontakt zu seinen Angestellten bemüht. Dies prägte sich unter anderem in großzügigen Sozialleistungen für die Unternehmensangehörigen aus.

In frühen Jahren war mitunter auch der Ton den Kunden gegenüber familiär. So schreibt Anna Schickedanz 1928 an einen unzufriedenen Besteller: "Es tut mir sehr leid[,], daß gerade bei Ihnen wieder ein Fehler unterlaufen ist, mein Mann hat mir den Auftrag selbst ans Herz gelegt, nun sind wir aber voll beschäftigt[,] u. ein Teil Ihrer Bestellung sollte nach dem dringenden Schreiben meines Mannes sofort erledigt werden[,] u. Sie können sich denken[,] wo recht aufgepaßt werden soll, da passieren Fehler … Wenn Sie nun diesen Vorfall meinem Mann nicht sagen wollten[,] wäre ich Ihnen sehr dankbar, denn sonst gibt’s einen großen Krach.«" – Auch in einem Familienunternehmen hängt wohl der Haussegen mitunter schief.